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Meinung

Realistischer Kampf oder traditionelle Kunst – was ist besser?

Die Welt der Kampfkünste ist ebenso Modetrends unterworfen wie alle anderen Bereiche der modernen Gesellschaft. Das mag auf den ersten Blick verwundern, denn schließlich ändert sich an der Anatomie des menschlichen Körpers nur selten etwas. Dem Wandel unterworfen sind aber die Weltbilder und Ideen der agierenden Köpfe.

Den Streit darum, welcher Stil der effektivste ist, kann man bis in die ältesten Überlieferungen zurückverfolgen, wirklich einig waren sich die Meister darüber nie. Das ist auch gut so, denn die Auseinandersetzung ist ein Ansporn für Fortschritt und dafür, dass sich niemand auf seinen Lorbeeren ausruhen kann, wenn er den Anschluss nicht verpassen will.

Trainieren nicht nur nach Feierabend: echte Spezialeinheiten

Die Profis trainieren nicht nur nach Feierabend und am Wochenende

Eine aktuelle Variante im Bereich der Selbstverteidigung mit beziehungsweise gegen Schlag- und Stichwaffen ist die Kluft zwischen den “traditionellen” Systemen und den “realistischen”. Nun kann man davon ausgehen, dass auch vor 500 Jahren Messer scharf und Stöcke stumpf waren und die Menschen damals ebenso bemüht waren, wirksame Techniken zu verwenden.

Andererseits ist aufgrund der Eingeschränktheit der menschlichen Physiognomie davon auszugehen, dass jede nur mögliche Schlagbewegung oder Verrenkung schon einmal von irgendjemandem ausprobiert wurde und es daher gar nichts wirklich Neues unter der Sonne geben kann.

Es ist also ein Streit um die Lehrmethode.

Avi Nardia ist einer der Begründer des modernen israelischen Nahkampfsystems KAPAP und Ausbilder von Militär, Polizei und Spezialeinheiten – gleichzeitig aber auch traditioneller Kendoka und Instructor im Brazilian Jiu-Jitsu. In einem interessanten Artikel vom April 2013 schreibt er etwas polemisch:

“We also see Reality-Based students dressing up with helmets, rifles, handguns and knives. We think that’s funny. Who would even consider attacking someone that dresses this way? It’s just not realistic.”

(“Wir sehen die Schüler realitätsbasierter Systeme mit Helmen, Gewehren, Pistolen und Messern. Das finden wir witzig. Wer würde überhaupt darüber nachdenken, jemanden auf diese Weise anzugreifen. Es ist einfach nicht realistisch.”)

Und tatsächlich gibt es manch Kurioses. Wenn beispielsweise Trainer mit ihren zivilen Schülern die Selbstverteidigung im Falle einer Flugzeugentführung trainieren, dann stellt sich die Frage nach dem Realismus noch einmal ganz neu:

Täglich finden weltweit schätzungsweise 40.000 kommerzielle Flüge statt. In der Zeit 1996 bis 2000 verzeichnete die Statistik der Federal Aviation Administration ingesamt 64 Flugzeugentführungen im Zivilluftverkehr – das sind ganze 16 pro Jahr. Nach dem 11. September ist deren Zahl durch die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen noch weiter gesunden.

Die Wahrscheinlichkeit, überhaupt in diese Situation zu kommen, ist für den Einzelnen gering. Die meisten der für das Jahr 2014 von der Branche erwarteten 3,3 Milliarden Passagiere werden ohne Zwischenfälle ankommen.

Dass nun ausgerechnet ein Kampfsportler, der sich eigentlich auf dem Weg in seinen Jahresurlaub befindet, Gelegenheit haben wird, seine auf einem Wochenendseminar erlernten Fähigkeiten in die Tat umzusetzen um als Held aus der Sache hervorzugehen, dürfte sich im nicht messbaren Bereich bewegen.

Ein realistischeres Szenario könnte es sein, dass man sich plötzlich und unvermittelt, zum Beispiel auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, in einem Schwertkampf mit einem angreifenden Ninja wiederfindet.

Ein Zivilist sollte sich überdies nicht einzubilden, dass es möglich wäre, mit ein oder zwei Trainingseinheiten pro Woche tatsächlich die Techniken zu erlernen und auf ein vernünftiges Niveau zu bringen, die Spezialeinheiten verwenden, deren Mitglieder Tag für Tag nichts anderes tun, als sich auf den Ernstfall vorzubereiten.

Das braucht er auch gar nicht.

Jeder Mensch muss selbst wissen, wie er seine Freizeit verbringt und dabei das trainieren, was ihm Spaß macht und was er für sinnvoll hält. Dabei sollten wir uns aber bewusst sein, dass das alles nur ein Hobby ist und niemand von uns die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. (Nicht einmal der Verfasser dieser Zeilen, obwohl der schon ziemlich nah dran ist.)

Eine weniger lustige Angelegenheit ist das Training von potenziell tödlichen Techniken, etwa im Messerkampf oder bei klassischen Klingenstilen. Auch hier stellt sich die Frage nach dem Zweck des Ganzen. Will ich das überhaupt wirklich tun? Schließlich lebe ich nicht in einer archaischen Gesellschaft, in der ich mit dem Schwert in der Hand ums Überleben kämpfen muss.

Übe ich denn nicht etwas, einfach weil ich Freude am Sport habe? Nichts spricht dagegen. In der Wirklichkeit wäre die Sache allerdings kein Spaß. Und  nicht zuletzt stellt auch Avi Nardia in seinem Artikel die Frage, die man immer im Hinterkopf behalten sollte:

“How would you explain yourself in a court of law?”

(“Wir würdest du das vor Gericht erklären?”)

Training ist Training. Absoluter Realismus im Kampf mit Hieb- und Stichwaffen würde bedeuten, dass es bei jeder Session Verletzte und Tote geben müsste – denn das ist nun einmal die Realität dieser Gegenstände. Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, will das.

Daher kann jedes Training nur eine Annäherung an die echte Gewalt sein. Wir gewöhnen uns an den Druck, an den Stress und an die Schläge – üben Taktiken und Bewegungsabläufe ein, die im Falle des Falles hoffentlich funktionen.

“Traditionelle” und “realistische” Systeme – beide haben ohne jeden Zweifel ihre Berechtigung.

Es gibt verschiedene Denkfallen, in die man tappen kann, wenn man einen Teil seines Lebens im Dojo verbringt. Eine davon ist es, sich allen Ernstes für eine Art traditionellen Krieger zu halten, der nur zufällig in einer Welt mit Coca Cola und Internet lebt, so als wäre man der letzte Samurai. Die andere ist es, sich als Zivilist in fiktiven Kriegsspielen zu verlieren, ohne sich bewusst zu sein, dass es sich auch hier um eine Art Rollenspiel handelt.

Am Ende ist aber auch gerade das das Schöne an der Welt der Kampfkünst: Man trifft dort so viele liebenswerte Spinner. Das ist ein Merkmal ambitionierter Menschen. Man muss Träume haben, um mit Leidenschaft zu kämpfen.

Kinofilm

Kinofilm “Der letzte Samurai” (2003) von Edward Zwick mit Tom Cuise in der Hauptrolle

 

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Geschichte

Wie Humboldt die japanischen Budogürtel erfand

Heute verwenden viele Kampfkünste weltweit, unabhängig von ihrer Herkunft und eigenen Entwicklungsgeschichte, ein Graduierungssystem mit farbigen Gürteln, das sich im Wesentlichen am Kyu-System der japanischen Stile orientiert. Doch viele Kampfsportler wissen nicht, dass das preußische Schulsystem bei dessen Erfindung Pate stand.

Kanō Jigorō war ein eher schwächlicher Junge, als er an der Fremdsprachenschule von Tokyo studierte. Der 17-Jährige wurde regelmäßig zum Opfer von Angriffen älterer und stärkerer Mitschüler. Um sich verteidigen zu können, begann er mit dem Training des Jiu Jitsu, das zu dieser Zeit – in den 1870er Jahren – eine der verbreitetsten Kampfkünste Japans darstellte.

Kanō Jigorō (1860-1938) erfand die Budo-Gürtelfarben

Kanō Jigorō (1860-1938) erfand die Budo-Gürtelfarben

Er wurde zu einem ausgezeichneten Schüler und lernte im Laufe der Jahre von vielen bedeutenden Meistern. Gleichzeitig absolvierte er 1881 sein Universitätsstudium und wurde Dozent für Literatur an der Gakushūin, einer rommierten Tokyoter Elite-Hochschule, die dem Nachwuchs des Adels vorbehalten war.

Japan befand sich in der Epoche der Meiji-Restauration, die von umfangreichen Reformen und einer starken Orientierung an westlichen Vorbildern bestimmt wurde. Der Shogun hatte abgedankt, den Samurai wurde das Tragen ihrer Schwerter verboten und sie verloren ihre jahrhundertealten Privilegien.

Der Kaiser lud ausländische Berater als Lehrer ein und hofierte sie. Die als O-yatoi Gaikokujin  (“Kontaktausländer”) bezeichneten Experten sollten die einheimische Elite ausbilden. Das Lesen deutscher Philosophen galt als richtungsweisend. Alle Bereiche des japanischen Lebens sollten radikal modernisiert werden.

Im folgenden Jahr 1882 eröffnete Kanō sein erstes eigenes Dojo. Zwischen Training und Universität hin und her rasend, kam der junge Mann nur sehr selten zum Schlafen. 1884 hatte er die Entwicklung seines eigenen Kampfstils soweit vorangebracht, dass er aus ihm ein selbständiges System formen konnte. Er gab ihm einen prägnanten, kurzen Namen: Judo.

Die klassischen Kriegskünste Japans kannten keine Gürtelfarben und Prüfungen im heutigen Sinne. Zwar gab es Graduierungen, doch diese wurden dem Schüler von seinem Meister verliehen, wenn der subjektiv der Ansicht war, dass die entsprechende Stufe erreicht war. Dahinter stand die Denkweise des alten, feudalen Japans.

Kanō hingegen war ganz Vertreter einer neuen Generation. Seine akademische Tätigkeit – er galt auch an der Universität als strenger Lehrer – brachte ihm eine sehr moderne Herangehensweise an die Didaktik. Er schuf eine Lehrmethode, die durch Vereinheitlichung gleiche Bedingungen für alle Schüler bringen sollte und eher sportlich als kriegerisch motiviert war.

Westlicher Einfluss unübersehbar: die kaiserliche Familie der Meiji-Dynastie

Westlicher Einfluss unübersehbar: die kaiserliche Familie in der Meiji-Zeit

Für Anfänger war sein neues System, das zunächst nur aus zwei Rängen bestand und später ausgebaut wurde, leichter zugänglich als das alte. Nach objektiven Kriterien geprüft zu werden und sich somit durch eigene Leistung innerhalb einer nachvollziehbaren Hierarchie hinaufarbeiten zu können, das wirkte motivierend.

Dass aus der an der westlichen Wissenschaft orientierten Lehrmethode eine Revolution der Kampfkünste erwachsen könnte, ahnte zunächst niemand. Kanō galt bei den Vertretern traditioneller Stile als Bücherwurm, seine Schule als ein exzentrisches Grüppchen verkopfter Intellektueller.

Das änderte sich erst, als seine Schüler 1886 einen von der Kaiserlichen Polizeiverwaltung angeordneten Entscheidungskampf gegen die Traditionalisten haushoch gewannen. Damit begann der Aufstieg des Judo zu der weltweit verbreiteten, modernen Sportart, die es heute ist. Das System der Graduierungen wurde zunächst von anderen Budo-Sportarten übernommen, etwa dem Karate, später fand es auch außerhalb Japans Verwendung.

Im Grunde kann es als herausragende Leistung Kanō Jigorōs bezeichnet werden, dass er als Erster die Ideen der europäischen Aufklärung auf die Welt der japanischen Kampfkünste übertrug.

Die Bildungsreformen Wilhelm von Humboldts hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst in Preußen, später ganz Deutschland, für eine Vereinheitlichung der Bildung gesorgt. Jedem Schüler sollten idealerweise dieselben Möglichkeiten offen stehen, allein die Fähigkeiten sollten entscheiden. Den Schulgang teilte Humboldt in drei aufeinanderfolgende Stufen ein. Den Abschluss bildete die Prüfung zum Abitur, das wiederum alleinige Zugangsberechtigung zur Hochschule wurde.

Das Bildungsideal, das Humboldt in seiner Denkschrift “Königsberger Schulplan” von 1809 entwarf, konnte zwar nie ganz umgesetzt werden, der Einfluss zu seiner Zeit jedoch war enorm. Die europäische Wissenschaft und Bildung des 19. Jahrhunderts wurden von Humboldts utopischen Ideen maßgeblich beeinflusst.

Und etwa sieben Jahrzehnte später, im fernen Japan, erkannte der in westlicher Literatur bewanderte “Bücherwurm” Kanō den Wert, den ein ähnliches System für die Modernisierung der angestaubten und in ihren Traditionen erstarrten Kampfkünste seines Landes haben könnte. Wie Humboldt lebte er in einer Zeit des Umbruchs, in der die alten Eliten ihre Vorrechte verloren.

Der Tenno, der japanische Kaiser, musste – ebenso wie vor ihm der preußische König Friedrich II. – sich selbst durch Reformen an die Spitze der Umwälzungen setzen, um nicht von der unaufhaltsamen Modernisierung hinfortgefegt zu werden. Kanō Jigorōs neuartige Lehrmethode fiel daher auf fruchtbaren Boden.

Die Kunst des japanischen Malers Toyohara Chikanobu (1838–1912) spiegelt die Umbrüche der Meiji-Epoche wieder

Die Kunst des japanischen Malers Toyohara Chikanobu (1838–1912) spiegelt die Umbrüche der Meiji-Epoche wieder

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Rechtliches

Was ist Notwehr?

Im Zusammenhang mit dem Fall Trayvon Martin in Florida wurde von deutschen Medien zum Teil harsche Kritik am “Stand your ground” Gesetz geübt, das in verschiedenen Staaten der USA gilt. Mancher deutsche Kommentator sah darin ein “abstruses Selbstverteidigungsrecht” oder eine typisch amerikanische Verrücktheit. Dabei unterscheidet es sich kaum vom deutschen Recht.

Die Frage, ob das Urteil gegen George Zimmerman gerecht ist, und die politische Dimension des Prozesses soll an dieser Stelle nicht erörtert werden. Auch von der angeblich so “absurden Gesetzeslage in Florida”  kann man natürlich halten, was man möchte und diese Meinung äußern, aber ein Blick in das deutsche Notwehrrecht hätte den Journalisten verraten können, dass es prinzipiell bei uns kaum anders aussieht.

Tatsächlich gilt in Deutschland, wie Legal Tribune Online feststellt, ein sehr ähnlicher Grundsatz:  “Das Recht muss dem Unrecht nicht weichen” . Dieser bedeutet faktisch dasselbe wie “Stand your ground”. Wer Opfer eines illegalen Angriffs wird, kann sich diesem mit den Mitteln erwehren, die ihm zur Verfügung stehen. Er ist nicht gezwungen, einen Fluchtversuch zu unternehmen, sondern darf sich verteidigen.

§ 32 StGB formuliert es kurz und knapp:

“Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.”

Im Sinne der Notwehr ist es also erlaubt, dass der Verteidiger den gegenwärtigen Angriff stoppt bzw. unterbindet – und zwar mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.

Hat er verschiedene Mittel zur Auswahl, etwa einen Faustschlag oder den Einsatz einer gefährlichen Waffe, ist zwar stets die Methode zu wählen, die den Angriff beendet und dabei am wenigsten Schaden anrichtet. Entscheidend ist jedoch nicht die Verhältnismäßigkeit zum Angriff, sondern es geht allein um die für den Verteidiger verfügbaren Mittel.

Und um den Zeitpunkt. Grundsätzliches Ziel aller Maßnahmen muss es sein, den Angriff zu stoppen. Geht vom Angreifer keine akute Gefahr mehr aus, ist die Notwehrsituation beendet.

ZDF-Serie "Verbrechen" nach Ferdinand von Schirach

ZDF-Serie “Verbrechen” nach Ferdinand von Schirach

Ein Verteidiger, der zum Beispiel weiter auf einen bereits am Boden liegenden (ehemaligen) Angreifer einschlägt, macht sich des Notwehrexzesses schuldig. Erfolgt der “Gegenangriff” erst deutlich später, etwa weil der ehemals Angegriffene noch seinen Baseballschläger aus dem Auto holen wollte, bevor er sich entschloss, den ehemaligen Angreifer zu verfolgen, handelt es sich – Überraschung! – nicht um Notwehr.

Dass das Notwehrrecht zudem bei einer Auseinandersetzung wegen Nichtigkeiten nicht uneingeschränkt gilt und auch nicht bei Konfilkten mit Volltrunkenen, Kindern oder geistig Behinderten, lässt der common sense erahnen.

Grundsätzlich ist der Verteidiger also juristisch auf der sicheren Seite, wenn er sofort und gezielt handelt, um sich oder andere zu schützen. Und – auch wenn wir alle hoffen, davon verschont zu bleiben: Ist das einzige zur Verfügung stehende Mittel ein potentiell tödliches, dann darf prizipiell auch dieses eingesetzt werden.

Einen extremen Fall von Notwehr beschreibt der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach in seinem Buch “Verbrechen”, das auch im ZDF verfilmt wurde: Ein Unbekannter wird am Bahnhof von zwei betrunkenen Neonazis mit Messer und Baseballschläger bedroht und verletzt. Der offenbar im Nahkampf ausgebildete Mann tötet die Angreifer, die ihn fälschlicherweise für ein leichtes Opfer gehalten hatten, kaltblütig mit ihren eigenen Waffen bzw. den bloßen Händen und lässt sich anschließend seelenruhig von der Polizei festnehmen.

Auswertungen des Videomaterials ergaben daraufhin, dass er tatsächlich angegriffen wurde und seine blitzschnellen Bewegungen ausschließlich während laufender Angriffe auf sich ausführte. Er nutzte die ihm gegebenen Mittel, um die gegenwärtigen Attacken zu stoppen, was ihm ja durchaus gelang.

Trotz der schweren Magenschmerzen, die der unheimliche Herr allen Beteiligten bereitete, musste er freigelassen werden, weil er eindeutig in Notwehr gehandelt hatte – zumindest im vorliegenden Fall und mehr wusste man über ihn nicht… Die Justiz hat die Aufgabe, über den Tatbestand zu richten, nicht über die Person des Beschuldigten.

Von Schirach beschreibt allerdings keinen typischen Fall und die Entscheidungen der Gerichte fallen zum Teil sehr unterschiedlich aus. Recht zu haben, bedeutet eben nicht unbedingt auch, Recht zu bekommen. Und nicht jeder hat einen international renommierten Spitzenanwalt zur Hand, wenn er ihn braucht.

Die wirklichen Probleme und tieferen Ursachen, die überhaupt zu Gewaltsituationen und sozialem Konfliktpotenzial führen, können jedoch letzten Endes weder im Straßenkampf noch vor Gericht geklärt werden. Sie müssen von der Gesellschaft, also der Politik und den Bürgern, erkannt und gelöst werden.

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Interviews

Faction Fighting

Wir erleben zurzeit ein wieder erwachendes Interesse an den alten europäischen Kampfkünsten, die lange ein Schattendasein hinter den asiatischen führten. Noch immer gibt es vergleichsweise wenige Leute, die sich wirklich damit auskennen. Einer dieser Seltenen ist Hendrik Röber, der sich für die Verbreitung des irischen Stockkampfes einsetzt.

Anfang des Jahres konnte ich auf einem seiner Seminare einen flüchtigen Einblick in diesen sehr aggressiven und kompromisslosen Stil gewinnen. Jetzt interviewte ich Hendrik, um mehr über sein faszinierendes System zu erfahren.

Europäische Selbstverteidigungsstile werden heute wiederentdeckt. Wie kommt es, dass Systeme wie der irische Stockkampf überhaupt in Vergessenheit geraten konnten?

Irischer Geh- und Kampfstock aus Schwarzdorn

Irischer Geh- und Kampfstock aus Schwarzdorn

Das liegt in zwei Ursachen begründet, ich kann zwar hier nur von unserem Stil ausgehen, vermute aber mal, dass es sich in anderen Systemen ähnlich verhalten hat. Zum einen wurden speziell die irischen Stile, wie übrigens auch viele andere keltische Praktiken, ausschließlich mündlich und praktisch überliefert und dies nur innerhalb der Clans/Familien/Factions oder innerhalb eines kleinen Kreises von Vertrauten. Der Grund dafür war, dass die Factions damals durch die fortwährenden Kämpfe einer gewissen Auslese unterlagen und jene Factions, die sich aufgrund ihrer erfolgreichen Kämpfer und Techniken etablieren konnten, das Wissen um ihre Kampftechniken bewahren und vor Außenstehenden abschirmen wollten. Es gibt aus diesem Grund auch kaum nennenswerte Aufzeichnungen.

Als sich schließlich auch Irland politisch und wirtschaftlich entwickelte, scheint diese Modernisierung das ganze Land von den althergebrachten Traditionen entfernt zu haben, auch der traditionelle irische Stockkampf blieb hiervon nicht verschont. Mit der Verfügbarkeit von Schwertern und Schusswaffen fiel der Bedarf am Wissen um die alten Stockkampftechniken weitestgehend weg und in Verbindung mit der Tatsche, dass die Mehrheit dieser Kampftechniken nur praktisch und mündlich weitergereicht worden waren, geriet die irische Kunst des Stockkampfs nahezu in Vergessenheit. Lediglich durch die Erzählungen alter Geschichten aus dieser Zeit auf Partys, einer kleinen Anzahl von kurzen historischen Referenzen und durch wenige Praktizierende, die stolz genug waren, ihr Wissen zu bewahren und an die nachfolgenden Generationen weiterzureichen, blieb ein Teil dieser alten irischen Tradition bis in die heutige Zeit erhalten.

Soweit ich weiß, handelt es sich meist um Familiensysteme, die sich von Clan zu Clan stark unterschieden. Welchen Stil betreibst du, und wo hat der seinen Ursprung? Was waren das für Leute, auf die er zurückgeht?

Ich betreibe den einzigen authentischen Stil Irlands, der nachweislich seit dem 17. Jahrhundert ununterbrochen innerhalb der Familie Doyle von den Vätern jeweils an männliche Familienmitglieder weitergereicht wurde. In dieser Zeit unterlag der Stil „Rinca an Bhata Uisce Beatha“ stetigen Änderungen, weil jeder Repräsentant des Stils ihn auch auf seine eigenen Bedürfnisse anpasste und gegebenenfalls verbesserte. So findet man heute z.B. viele Techniken aus dem Boxen/Pugilism im aktuellen Stil wieder, weil einige der Doyles und auch der Vater von Glen Doyle, Gregory Doyle, bekannte Boxer waren. Seinen Ursprung hat der Stil in den Faction Fights des 17./18. Jahrhunderts, einer Zeit, die durch die so genannten Faction Fighters geprägt wurde – Armeen von Männern und manchmal auch Frauen, mit Hunderten oder sogar Tausenden von Angehörigen aus der Landbevölkerung – bewaffnet mit Stöcken, Steinen und gelegentlich auch mit Schwertern und Pistolen. Diese Gruppierungen trafen sich auf Kirchweihen, Hochzeiten, Jahrmärkten, Feldern und häufig auf Straßen von Städten und Dörfern, um dort in tödlichen Kämpfen/Schlachten gegeneinander anzutreten.

„Rince an Bhata Uisce Beatha“ ist übrigens der einzige irische Stil, der auf der beidhändigen Handhabung des Stockes basiert. Während die meisten irischen Stile Einhandtechniken (ähnlich wie beim Fechten) nutzten, bevorzugten die Doyles einen weitaus effektiveren beidhändigen Kampfstil, nachdem ein Familienmitglied Grundlagen des Boxens (Pugilism) in die Bewegungsmuster des Stockkampfes einfließen ließ, um so auch auf engem Raum effektiv arbeiten zu können. Ein weiterer Grund für diese Entwicklung war der Umstand, dass die Doyles verhindern wollten, im Schlachtgetümmel beim weiten Ausholen zu einhändigen Techniken aus Versehen die eigenen Leute/Familienmitglieder neben sich zu treffen. Die irischen Stockkampfstile waren „schlachtfelderprobt“.

Ich muss dazu jetzt aber gestehen, dass bei uns niemand ein großes „Ding“ aus der Historie macht, den Doyles ging es immer nur darum, ein effektives System für den Kampf zur Verfügung zu haben – daran hat sich bis heute nichts geändert.

Kämpfende Factions

Kämpfende Factions

Waren diese historischen Factions so etwas wie Straßengangs? Warum schlossen sie sich überhaupt zusammen?

Nein, es waren keine Straßengangs im heutigen Sinn, sondern vielmehr Familienclans, Einwohner einer bestimmten Grafschaft, einer Stadt oder eines Dorfes. Nach der großen irischen Hungersnot, als viele nach Nordamerika auswanderten, gab es aber sicherlich auch kriminelle Banden, die ihre Macht und ihren Ruf ausnutzten, um auf illegale Weise Geld zu machen (siehe “Gangs of New York”).

Bei diesen Kämpfen konnte es um alles Mögliche gehen, Konflikte um die Nichtbezahlung einer Mitgift, Erbfolge, Landstreitigkeiten, politische Missstimmigkeiten, Beleidigungen u.s.w.

Faction Fighting war mehr ein sportliches Phänomen dieser Zeit, es wurde lustig und mit Musik in die Schlacht gezogen… auch wenn nachher 200 Tote und noch weitaus mehr Verletzte daraus resultierten.

Henrik Roeber (li.) bei einem Seminar

Henrik Roeber (li.) bei einem Seminar

Wie bist du dazu gekommen? Wo bildest du dich weiter?

Mich interessierte damals, warum so wenige europäische Stile praktiziert werden – die Europäer haben doch in der Vergangenheit alle anderen Völker dominiert – auch in den kriegerischen Auseinandersetzungen. Schwertkampftechniken interessierten mich nicht, aufgrund der fehlenden Anwendbarkeit in unserer heutigen Zeit und weil ich eigentlich ein System suchte, das auf einen Regenschirm anwendbar ist und somit auch für ältere Menschen eine sinnvolle Option für die Selbstverteidigung darstellt.
Irgendwann landete ich dann im Rahmen meiner Recherchen bei Glen Doyle und war sofort von dem absolut kompromisslosen System begeistert. Nachdem mir einige internationale Historiker die Authenzität des Doyle Stils bestätigt hatten, war es nur noch ein kleiner Schritt zur ersten Kontaktaufnahme und meinem kurz darauf folgenden ersten Trainingsaufenthalt bei ihm in Kanada.

Ein weiterer Aspekt für meine Wahl war, dass mein „neuer“ Stil von den Bewegungsabläufen und dem Konzept gut zu meinem Trinity Combat passen sollte und hier landete ich tatsächlich einen Volltreffer, beide Systeme basieren auf dem gleichen Konzept, dem absolut identischen Stand und den gleichen Bewegungsabläufen.

Mittlerweile verbindet mich mit Glen Doyle eine enge Freundschaft, für meine Fortbildung fliege ich mehrmals im Jahr nach Kanada und er oder Colin Simpson, sein Stellvertreter und zweiter Mann im System, besucht mich hier in Deutschland. Seit Anfang 2011 bin ich als einziger autorisierter Vertreter des Stils für die Ausbildung in ganz Europa zuständig und habe vor wenigen Tagen die ersten europäischen Instruktoren ausgebildet.

Was ist das genau für ein Stock, der da verwendet wird?

Ursprünglich handelte es sich dabei um einen Knüppel/Stock in unterschiedlichen Formen, der aus Schwarzdorn (eine Schlehenart) hergestellt wurde und der in Irland als „Shillelagh“ bezeichnet wird. Der Hintergrund für diese Wahl des Holzes dürfte eindeutig die leichte Verfügbarkeit und seine Härte gewesen sein.

Heute verwenden wir aber keine traditionellen Stöcke mehr, sondern vielmehr Trainingsstöcke aus tropischen Harthölzern oder für das Vollkontakttraining gepolsterte Stöcke aus Kunststoff.

Inwiefern ist so ein traditionelles System heute überhaupt anwendbar? Also, hier in Berlin-Kreuzberg z.B. sehe ich nur selten Leute mit Gehstöcken auf der Straße flanieren…

Wie bereits geschildert, ist der Doyle Stil aufgrund der beidhändigen Handhabung des Stockes geradezu prädestiniert für die Anwendung auf einen heutigen Alltagsgegenstand – den Regenschirm. Die beidhändige Anwendung verhindert ein Unterlaufen und eine Entwaffnung gestaltet sich auch nicht so einfach, wie bei einem einhändig geführten Stock – sie ist nahezu unmöglich.

Abgesehen davon, dass fast alle Techniken auch ohne Stock anwendbar sind (basierend auf Boxtechniken/Pugilism), funktioniert das Prinzip auch mit kürzeren Stöcken oder grundsätzlich sogar mit einer zusammengerollten Zeitung.
Ein Teil unserer Klientel kommt auch aus dem internationalen Behördenbereich, hier handelt es sich dann um spezielle Polizeieinheiten, die mit einer ähnlichen Stocklänge arbeiten.

Grundsätzlich steht bei den meisten Trainierenden aber der Spaß im Vordergrund und das System macht sehr viel Spaß, weil es bei aller Effektivität unheimlich logisch aufgebaut ist und einem Angreifer nach dem ersten Konter keine Chance mehr zur Gegenwehr lässt. Es ist wie Schach – nur das ich den Gegner mit meinem ersten Zug matt setze.

Wo kann man Bata im deutschsprachigen Raum trainieren?

„Bata“ bedeutet eigentlich nur Stock, Stockkampf heißt auf Gälisch „Bataireacht“ und wir bezeichnen unseren Stil als „IFS“ (Irish Stick Fighting) oder mit der Kurzform für Rince an Bhata Uisce Beatha – „RBUB“.

Trainieren kann man RBUB zurzeit bei mir im europäischen Headquarter in Albstadt und bei drei weiteren zertifizierten deutschen Ausbildern in Hamburg, Hannover und Freiburg. Für den deutschen Bodenseeraum wäre unser österreichischer Instruktor im Vorarlberg ebenfalls leicht erreichbar. Für Hamburg wird in Kürze ein weiterer Ausbilder hinzukommen – wir gehen davon aus, dass wir ab Sommer 2012 etwa 20 Ausbilder in Deutschland haben werden.

Da ich für die europaweite Ausbildung verantwortlich bin und in jedem Kurs auch Teilnehmer aus dem Ausland vertreten sind, zudem die Plätze für die Kursteilnehmer beschränkt sind, werden wir eine flächendeckende Verbreitung in Deutschland nicht so schnell erreichen auch wenn wir das gerne sehen würden. Unsere Instruktoren sind auf unserer Homepage gelistet

Abgesehen davon hast du 2007 ein Buch namens “Kalter Stahl” veröffentlicht. Worum geht es da?

„Kalter Stahl“ behandelt das Thema von Angriffen mittels scharfer Gewalt, also Messerabwehr und Messerkampf. Allerdings ist es weniger ein Buch mit technischen Anleitungen, sondern vielmehr handele ich darin die grundsätzliche Problematik ab, basierend auf meinen eigenen Erfahrungen in der Praxis. Hinzu kommen Kapitel über Gewaltprävention, Deeskalation, die rechtliche Würdigung, spezifische Verletzungen durch Messerangriffe und auch Erste Hilfe. Einer der bekanntesten Pathologen Deutschlands stellte mir zudem einige Kapitel seines Buches „Violence by Sharp Forces“ zur Verfügung – unter anderem mit interessanten Statistiken über tödliche Messerverletzungen.

Nachdem auch ich mich weiter entwickle, sollte ich das Buch in der Zwischenzeit hinsichtlich einiger Techniken überarbeiten, leider fehlt mir momentan die Zeit dafür – eine überarbeitete Neuauflage wird vermutlich aber 2012 erscheinen.

Wie können Leser dich finden und erreichen, wenn sie Interesse gewonnen haben?

Am einfachsten erreicht man mich/uns über unseren neuen Internetauftritt – mit diesem Interview hast du mich jetzt etwas überrannt – die Seiten sind noch nicht fertig. Die deutsche Seite ist zwar bis auf Kleinigkeiten, wie Videos, ein paar Formulare und Fotos fertig, allerdings fehlen die internationalen Seiten noch komplett. Die englischsprachige Seite wird vermutlich in zwei Wochen vollständig sein, die anderen internationalen Seiten folgen dann. Also, bitte öfters reinschauen – die Seiteninhalte ändern sich noch fortlaufend.

Homepage Irish Stick Fighters Worldwide: www.isfww.eu

Bei Fightingsticks:

Irish Blackthorn Walking Stick von Cold Steel

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Interviews

Die Klingen der Camorra

In Italien gab es schon immer viel zu kämpfen. Waffen, vor allem Klingen, wurden von verschiedensten Gruppen benutzt. Auf politischer Ebene bekriegten sich Fürsten und rivalisierende Städte offen bis zur Staatseinigung, dem Risorgimento im 19. Jahrhundert. Dabei konnten sie auf skrupellose, gut ausgebildete  Söldnerheere vertrauen (oder unter Umständen auch nicht…). In Städten und auf dem Land existierten ferner kriminelle Organisationen, die ihre Reviere mit Gewalt verteidigten. Auch private Streitigkeiten konnten durch Duell entschieden werden.

Dass sich daraus Kampfkünste entwickelten, die den asiatischen in Komplexität und Anwendbarkeit in nichts nachstehen, ist leider ein wenig in Vergessenheit geraten. Ich habe Roberto Laura interviewt, der den italienischen Messer- und Stockkampf nach Deutschland brachte, um mehr über diese Systeme zu erfahren:

Warum trainieren heute in unseren Breiten mehr Menschen asiatische Systeme als europäische?

Es handelte sich zum Teil um Schulen der Unterwelt, von Schlägerbanden oder um reine Familiensysteme. Es war nie ein Thema, die Systematik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Geheimhaltung war auch durch die Prohibitionen, Waffen zu tragen, bedingt, die im Italien des 18./19. Jahrhunderts Tagesordnung waren.

Duellmesser Genovese

Genovese (Duellmesser aus Genua), um 1750

Was haben die traditionellen italienischen Messer- und Stockkampfschulen dem Kampfkünstler von 2011 zu bieten?

Ich weiß nicht, was genau der Kampfkünstler von heute ist? Unsere Schulen bieten eine ausgereifte Körpermechanik, Präzision und Effizienz. Sie bieten die Erfahrung von 7. Jahrhunderten im Duell mit Klinge und Stock; Erfahrungen, die mit Schweiß, Blut und zum Teil auch dem Leben bezahlt wurden.

Wie bist du persönlich dazu gekommen, dich mit diesen Schulen zu beschäftigen? Welche Systeme praktizierst du?

Eigentlich war es Zufall. Ein befreundeter Arzt aus Rom hatte während eines Symposiums einen Professor für Kunstgeschichte kennen gelernt, welcher ihm diese Künste vorstellte. Da meinem Freund bekannt war, dass ich mich für den Weg der Klinge interessiere, gab er mir die Adresse weiter. Das alles geschah im Jahr 2002. Seit dieser Zeit widme ich mich der italienischen Schule. Nachdem ich mehrere italienische Systeme versucht habe, bin ich letztendlich bei der nordapulischen Schule aus Manfredonia hängen geblieben. Dieses System nennt sich die Schule der Cavalieri d`Umiltà, der Ritter der Demut. Auch betreibe ich noch ein wenig die Schule des Bastone Genovese, des genuesischen Stockkampfes, aus dem Norden Italiens.

Wann entstanden diese Systeme, und wann hatten sie ihre Blütezeiten?

All diese Schulen sind Kinder der Renaissance bzw. der frühen Neuzeit. Einige stammen auch aus dem 19. Jahrhundert. Die Schule der Cavalieri d`Umiltà stammt aus den Anfängen des 15. Jahrhunderts, die des Bastone Genovese aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, wobei diese Schule ihre Wurzeln in Pera hat, dem genuesischen Stadtteil Konstantinopels. Die Blütezeit aller Schulen, speziell derer aus dem südlichen Italien, lag jedoch in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis in die 1980er-Jahre wurde in gewissen Gebieten Süditaliens noch auf Duell gefochten.

Lässt sich in kurzen Worten umreißen, was die italienischen Messer- und Stockkampfschulen charakterisiert?

Das zu pauschalisieren ist schwer, da heute noch hunderte verschiedener Schulen existieren; und sie ähneln sich zum Teil, zum Teil unterscheiden sie sich aber auch sehr. Zunächst sollte man zwischen norditalienischen- und süditalienischen Schulen unterscheiden. Während im Norden die Spezialisierung vermehrt auf den Spazierstock ausgelegt war, widmeten sich die südlichen Schulen verstärkt dem Messer. Die norditalienischen Messersysteme waren eher kurz und sehr einfach gestrickt, rein den Gedanken der Selbstverteidigung folgend. Die süditalienischen Messerschulen waren (und sind!) Duellkünste, sehr fein ausgearbeitet aber zum Teil, aufgrund des motorischen Anspruches, auch recht schwer zu erlernen. Der gerade Stich mit halben bis ganzem Ausfall ist wohl eine Schlüsseltechnik aller italienischen Schulen.

Die Schulen unterscheiden sich also zum einen durch ihre regionale Herkunft, aber auch durch die Personengruppen, die sie traditionell ausübten. Wer waren diese Kampfkünstler und ihre Meister?

Im Norden Italiens stammten die Systeme aus der Arbeiterschicht – hier waren vor allem die Hafenarbeiter maßgebend, wie auch aus ländlichen Gegenden. In den Hafenstädten Liguriens, wie auch in den Bergen des Piemonts, gibt es noch lebende Kulturen. In den Großstädten Norditaliens, in Mailand und in Turin, waren es vor allem städtische kriminelle Banden, die kurze Methoden des Messers entwickelten; ähnlich verhielt es sich in Paris mit den sogenannten Apache.

Der Süden Italiens war in zwei Bereiche unterteilt: Schulen, die ihre Wurzeln in der ländlichen Kultur der jeweiligen Region hatten und solche, die dem organisierten Verbrechen beziehungsweise den städtischen Milizen entstammten. Die Schulen mit ländlichem Hintergrund können ziemlich voneinander abweichen, die Schulen, die den Syndikaten oder den Milizen entstammen, ähneln sich in vielen Bereichen; oft handelt es sich auch um sogenannte Schwesterschulen.

Hatten also die Techniken, die von Edelleuten und Militärs verwendet wurden, letztlich die selben Wurzeln wie die der unteren Schichten und der Halbwelt?

Bei meiner Schule beziehungsweise bei den Schulen der Milizen und des organisierten Verbrechens (Camorra, Mafia, `Nrangheta), ja! Der Legende nach strandeten zu Beginn des 15. Jahrhunderts drei Söldner aus Spanien (Conte, Fiorelin di Spagna und Rosso) in Kalabrien, von wo aus sich dann die Kunst Richtung Sizilien, Apulien und Neapel verbreitete und in unzähligen Nebenlinien ihre Eigenarten annahm. Natürlich sind die Namen Mythos, sie dienten lediglich dazu, den Verlauf, die grobe Geschichte dieser Schulen zu verdeutlichen; also die Tatsache herauszuheben, dass diese Systeme dem Söldnertum beziehungsweise der Ritterlichkeit entsprungen sind.

Welche Waffen wurden und werden verwendet?

Im Norden waren die Hauptwaffen der Spazierstock, der Zweihänderstock und auf dem Land auch das Beil, das Rebmesser und natürlich auch das Messer. Im Süden waren die Hauptwaffen das Messer und der Hirtenstock. Zum Teil wurden auch Rasiermesser und große, klappbare Rebmesser, sogenannte Roncole, verwendet. In Neapel fand zudem der Kurzstock Verwendung. Dass beim Messerkampf Jacken um den Arm gewickelt wurden beziehungsweise flexible Waffen oder auch Steine, Sand und Münzen zur Hilfe genommen wurden, versteht sich fast von selbst.

Gibt es waffenlose Systeme? Und wenn ja, werden diese mit den Waffentechniken kombiniert?

Die Norditaliener verwendeten das französische Savate und das Gambetto, eine  – vermutlich – ebenfalls aus Frankreich stammende Nahkampftechnik. Einige italienische Meister behaupten, dass das Gambetto seine Wurzeln in der Antike habe. Diese Behauptung ist jedoch nicht beweisbar und auch eher unwahrscheinlich. Die Mittel- und Süditaliener nehmen schlicht die Messertechniken und übertragen sie auf die leere Hand; ähnlich, wie es auch die Filipinos oder auch die Indonesier handhaben.

Sind die Trainings- und Lehrmethoden mit denen der philippinischen/indonesischen Stile vergleichbar?

Es ähnelt sich in der Übertragung der Klingentechniken auf die leere Hand, zumindest was die süditalienischen Schulen angeht. Ansonsten gibt es überall Stiche und Schnitte, Schritte, Meidbewegungen etc. In Bezug auf Taktik und Didaktik, wie auch auf die bevorzugte Kampfdistanz, sind die Schulen recht unterschiedlich zueinander.

Wir kämpfen mit dem Messer vornehmlich in der weiten und der mittleren Distanz, während die philippinischen Schulen gerne den Nahkampf suchen. Auch gibt es bei unseren Schulen keine Flow Drills oder ähnlich geartete Übungen. Man kommt bei uns eigentlich recht schnell zum Punkt. Im Ganzen sind wir, wie auch das Silat, wesentlich klingenlastiger als die philippinischen Systeme; das Pekiti Tirsia Kali ist hier eine angenehme Ausnahme; die sehen das ähnlich wie wir. Es gibt noch eine weitere Parallele zu den indonesischen Systemen: auch wir verwenden zum Vermitteln der Inhalte Formen, für das Messer und für den Stock.

Roberto Laura beim ‘Weapons Worldwide’ Seminar im März 2011

Roberto Laura beim ‘Weapons Worldwide’ Seminar im März 2011

Wie ist die Ausbildung grundsätzlich strukturiert? Sprich, was lernt man bei dir eigentlich?

Bei mir erlernt man den Umgang mit der Klinge – Messer wie auch Rasiermesser – und dem Hirtenstock, dazu die waffenlose Umsetzung des Klingenkampfes, welches bei uns ‘A Calci e Schiaffi’, mit Tritten und Ohrfeigen (Handflächenschlägen), genannt wird. Die Didaktik ist seit Generationen unverändert. Auch erlernt man die zur Schule gehörige Kultur, die Regeln beziehungsweise die Kodexe der Schule, wie auch deren Geschichte.

Wie können Interessierte dich finden, um sich weiter zu informieren oder von dir zu lernen?

Auf meiner Homepage (www.robertolaura.com) findet man alle nötigen Kontaktdaten, um mich anzuschreiben beziehungsweise anzurufen. Wobei, sofern man mich anrufen möchte, die Mobilnummer stets die bessere Wahl ist, da ich beruflich permanent im Außendienst bin. Zuhause erreicht man mich nur selten.

Vielen Dank.


Bei Fightingsticks:
Italienische Messerschulen (DVD) mit Roberto Laura

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Kultur

Turnier im Busch – der Stockkampf der Suri

Im Südwesten Äthiopiens, inmitten schwer zugänglichen Buschlandes, liegt das Land der Suri (auch Surma genannt). Abseits befestigter Straßen und weit entfernt von der Regierung in Addis Abeba, leben die Suri in einer Weise, die bis heute kaum von der Zivilisation beeinflusst wurde. Noch immer messen sich hier die Männer im traditionellen Donga-Stockkampf. Sie kämpfen um die Anerkennung des Stammes, und nicht zuletzt die Gunst der Frauen.

Suri-Krieger vor dem Kampf

Suri-Krieger vor dem Kampf

Sagenai heißen die ritualisierten Stockkampfturniere, bei denen die Kämpfer rivalisierender Dörfer gegeneinander antreten. Sie werden das ganze Jahr über abgehalten, die größten finden aber in der Regenzeit statt, wenn die Suri viel Zeit haben. Zum Teil werden auch ernsthafte Streitigkeiten hier ausgetragen. Jeder, der kämpfen will, ist zugelassen. Dabei ist das Ritual nicht ungefährlich. Platzwunden und Knochenbrüche sind häufig, sogar Todesfälle kommen vor.

Auch unter den Zuschauern gibt es regelmäßig Verletzte, da der Kreis der Schaulustigen dem Geschehen sehr nahe kommt. Etwas abseits der Kämpfe hat das Sagenai jedoch einen gewissen Volksfestcharakter. Es wird Geso getrunken, ein aus Mais gewonnenes, alkoholisches Getränk, und massiv geflirtet. Tatsächlich lernen sich die meisten Suri-Paare auf den Spektakeln kennen, auf denen die Männer ihre Kraft unter Beweis stellen.

Gekämpft wird mit einem fast drei Meter langen, biegsamen Holzstab, der hauptsächlich über dem Kopf geschwungen wird. Donga ist gleichermaßen die Bezeichnung für den Kampfstil als auch für den Stock selbst. Schiedsrichter wachen über die Einhaltung der Regeln. So darf etwa eine am Boden liegender Kämpfer nicht geschlagen werden. Ziel ist es, den Gegner kampfunfähig zu machen. Ein Gewehrschuss verkündet den Sieg.

Der Sieger des Turniers wird von seinem Stamm getragen

Der Sieger des Turniers wird von seinem Stamm getragen

Durch den Bürgerkrieg im Nachbarland Sudan wurde die Region mit Schusswaffen, hauptsächlich AK-47 Sturmgewehren überflutet. Der Dauerkonflikt der Suri mit ihren Erzfeinden, den Bomé, fordert seither wesentlich mehr Todesopfer. Die Kalashnikovs sind heute ebenfalls ein wichtiges Statussymbol Mit ihnen verteidigen sie ihre Familien, und ihre Kühe.

Kühe sind sehr wichtig für die Nahrungsversorgung in der trockenen Region, jeder Mann besitzt mindestens 50 Tiere. Neben dem Fleisch ist auch ihr Blut ein Grundnahrungsmittel. Die Hauptschlagader der lebenden Kuh wird angezapft, um einige Liter davon zu gewinnen. Danach wird die Wunde wieder verschlossen. Für die Tiere ist das nicht gefährlich, sie leben letztlich sogar länger. Denn das Blut zu trinken ist ökonomischer als das ganze Tier zu schlachten.

Auch der BBC-Reporter Bruce Parry durfte sich über einen frischen Becher Kuhblut als Willkommensgruß freuen, als er die Suri besuchte. In diesem Ausschnitt aus “Going Tribal” sehen wir die entfesselte Energie des Sagenai-Rituals: Going Tribal (Ausschnitt)

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Medien

Sie gehen nicht einfach nach Hause

Vor Kurzem las ich im Big Stick Blog von der unangenehmen Geschichte, die dem 28jährigen, gerade heimgekehrten Irak-Veteranen Federico Freire und seiner Frau Kalyn  in Bradenton, Florida passierte. Und sie erinnerte mich an diverse Begebenheiten aus meiner eigenen Erfahrung. Die beiden waren in einem Kino, um die Liebeskomödie “Little Flockers” zu schauen, als die Vorstellung von einer Gruppe von Teenagern gestört wurde, die allerlei Lärm machten und laute Gespräche mit dem Handy führten.

Das Paar forderte die Kids auf, ruhiger zu sein und den anderen Gästen nicht den Abend zu verderben. Die Situation eskalierte, und nachdem sie beschimpft worden war, rief Kalyn Freire den Manager des Kinos. Der sorgte dafür, dass die Teenager den Raum verließen. Doch das war nicht das Ende der Geschichte…

Als die Freires das Kino verließen, sahen sie sich von einer mittlerweile stark angewachsenen Gruppe von Halbstarken umringt. 10 bis 15 Mädchen attackierten Kalyn  Freire, und Federico sah keine andere Möglichkeit, als sie aus der Ziellinie zu holen und schnellstmöglich gemeinsam die Flucht anzutreten. Dabei wurden sie nach eigenen Angaben getreten und geschlagen.

“Ich beugte mich runter, um meine Brieftasche zu greifen, und es waren buchstäblich 100 Teenager um uns”, sagte Kalyn Freire auf Foxnews.com, “während der Manager in der Ecke stand mit seinem Mund weit offen und gar nichts tat.” Nun gut, was hätte er schon tun sollen? Die Frau wurde niedergeschlagen, bevor die Polizei eintraf.

Was mich an der Story berührte, war die offensichtlich vollkommen fehlerhafte Einschätzung der Situation, die das Ehepaar an den Tag legte. “Hunde, die bellen, beißen nicht”, will der Volksmund wissen. Leider hat er damit nur bedingt recht. Verbale Agression ist nie ein gutes Zeichen. Sie kann auf erhöhtes Gewaltpotenzial hinweisen. Auf jeden Fall aber auf einen hohen Wutpegel.

Am Hamburger S-Bahnhof Veddel wurde am Neujahrsmorgen ein 42-Jähriger von einer Gruppe Jugendlicher zusammengeschlagen. Er hatte sich zuvor schützend vor einen anderen Fahrgast gestellt, der von der Gruppe bepöbelt worden war. Die Kids hatten sich zunächst zurückgezogen. Auch Artur G. war der Meinung, die Sache sei längst aus der Welt, als er und seine Lebensgefährtin aus der Bahn stiegen. Doch sie mussten erkennen, dass die Jugendlichen ihnen folgten und erneut zusetzten – diesmal mit schwerer, körperlicher Gewalt. Der Mann liegt nun mit Schädelprellungen und Schürfwunden im Krankenhaus.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht mit den Fragen beschäftigen, ob unsere Jugend verdorben und verroht ist, oder wie die Gesellschaft mit Zivilcourage beziehungsweise mit Gewalt in der Öffentlichkeit umgehen sollte. Mir geht es hier allein um die objektiv bewertbaren Abläufe der Gewaltsituation.

In beiden Fällen war das spätere Opfer der Meinung, die Gefahr sei längst gebannt, als es eigentlich erst richtig los ging. Auch dem getöteten Münchner Dominik Brunner, dessen Fall im vergangenen Jahr ein großes Medienecho auslöste, war diese Fehleinschätzung zum Verhängnis geworden.

Der simple Fakt jedoch ist: eine Person, die das Gefühl hat, eine offene Rechnung begleichen zu müssen, denkt nicht “Okay, es hat halt nicht sein sollen” und geht schulterzuckend nach Hause.

Was können wir hier lernen? Wie ist die Situation nun richtig einzuschätzen?

Zuerst ist festzustellen, ob der Gegenüber prinzipiell dazu bereit ist, Gewalt als Mittel zu nutzen. Sicherheitsexperte Gavin de Becker rät dazu, in dieser Frage der eigenen Intuition, dem ersten, unmittelbaren Bauchgefühl zu vertrauen. Ein Rat, der verblüffend einfach klingt, aber in der Praxis offenbar zu selten Gehör findet.

Auch wenn der Aggressor zur Gewalt bereit ist, muss er sich immernoch konkret dafür entscheiden. Hierzu bedarf es des Gefühls von Legitimation. Wohlgemerkt: das subjektive Gefühl, “im Recht” zu sein genügt. Objektiv betrachtet mag das vollkommen anders aussehen…

In den drei zitierten Fällen hatte das spätere Opfer die späteren Täter “zur Ordnung gerufen”. Das geschah in einem öffentlichen Raum, vor Publikum, das in der Mehrheit auf seiner Seite gestanden haben dürfte. Nach dem Ende der Spannungssituation wandten die meisten Anwesenden ihre Aufmerksamkeit wieder anderen Dingen zu.

Für den Gewalttäter läuft hier aber etwas vollkommen anderes ab: er empfindet den Vorgang primär als Ehrverletzung und Herabwürdigung. Neurologen wissen, dass bei erlebter sozialer Zurückweisung und Erniedrigung die gleichen Hirnareale aktiv werden wie bei körperlichem Schmerz. Was für den Einen lediglich ein gewonnener verbaler Schlagabtausch sein mag, löst im Anderen Vorgänge aus, als hätte er einen Faustschlag ins Gesicht bekommen. Schlägt er selbst nun wirklich zu, mag das in seiner Wahrnehmung lediglich der Ausgleich für erlittenes Unrecht sein. Verstärkt wird dieser Umstand noch, wenn der spätere Täter ein eher geringes Selbstwertgefühl hat, und deshalb übermäßig viel darauf gibt, was seine Gruppe von ihm hält.

Durch all diese Umstände zusammengenommen kann er nun das Gefühl haben, dass ein “Gegenangriff” die einzige Möglichkeit ist, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Während das spätere Opfer in den Gedanken längst woanders ist, bereitet er sich bereits mental darauf vor. Und er wird in den meisten Fällen den nächstliegenden günstigen Ort wählen, an dem ihm dieser durchführbar erscheint. Das war in unseren Beispielen der Hauptausgang des Kinos beziehungsweise der Bahnhof nach Verlassen des Zuges. An solchen Stellen eine besondere Wachsamkeit an den Tag zu legen, kann über den Ausgang der ganzen Situation entscheiden.

Selbstverteidigung ist eine Geisteshaltung. Hätten die drei späteren Gewaltopfer sich bewusst gemacht, was ihre Handlungsweise bei den vermeintlich in die Flucht geschlagenen Aggressoren tatsächlich auslöst, wären sie vermutlich nicht völlig unvorbereitet getroffen worden. Sie hätten darüber nachgedacht, was diese gefährlichen Personen eigentlich in der Zwischenzeit unternehmen, und zumindest Vorbereitungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten treffen können. Denn die Täter hatten nicht vor, einfach nach Hause zu gehen.

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Kultur

Roher Fisch mit kaltem Reis auf Algen

“Wir wollten nie wie unsre Eltern werden, und sind es ja auch nicht geworden. Unsre Eltern sind ja älter, und ziemlich provinziell. Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen – tun die doch in den Müll.” (Rainald Grebe – Dreißigjährige Pärchen)

Meine Geldbörse leidet mit erschreckender Regelmäßigkeit unter dem reichhaltigen Sushi-Angebot in der Gegend, während der Gaumen kaum genug kriegt. Weil ich gern weiß, was ich esse, habe ich mich mit dem japanischen Fast-Food beschäftigt und einen Blog geschrieben, der ausnahmsweise nichts mit hartem Kampf, smarter Strategie oder Heldenmut zu tun hat…

Schloss von Edo

Schloss von Edo

Im Japan der weitestgehend friedlichen Herrschaft während der Tokugawa-Dynastie, entwickelte sich das ehemalige Fischerdorf Edo zu einer der größten Metropolen der Welt. In den Straßen, die einige Jahrhunderte später das heutige Tokio bilden sollten, pulsierte das Leben; Handel, Handwerk, die Künste und die Unterhaltungsbranche florierten. In dieser Umgebung entstand auch die Form des japanischen Sushi, auf der die heute angebotenen Speise basiert.

Letztlich geht Sushi, wie so vieles in der japanischen Kultur, auf eine Erfindung vom Festland zurück. Im Mekong-Delta hatte man seit Jahrhunderten gesalzenen Fisch fermentiert, um ihn haltbar zu machen. Dazu wurde er in Reis gepresst. Mit der Zeit entstand Essig, das den Fisch in Aminosäuren zerlegte. Die Methode war effektiv, verbreitete sich in der gesamten Region und eben auch in Japan.

Dort etablierte sich zunächst das scharf-säuerliche Funazushi, das im 8. Jahrhundert erste Erwähnung fand. Der Fisch wurde bis zu drei Jahre lang in Reis fermentiert und entwickelte dabei einen sehr strengen Geruch. So wurde aus der reinen Konservierungstechnik ein eigenständiges Gericht. Im 17. Jahrhundert erkannte man schließlich, dass sich der Prozess durch Beigabe von Reisessig erheblich beschleunigen ließ. Eine Fermentierung war nun gar nicht mehr notwendig. Der gesäuerte Reis wurde auch nicht mehr weggeworfen, sondern mitgegessen.

In der Kansai-Region rund um Osaka presste man den Reis und die anderen Zutaten in eine Form. Diese als “Oshi-Sushi” bekannte Sorte ist heute allerdings weniger verbreitet. Bald hatte das Gericht auch die Hauptstadt Edo erobert, wo es anders zubereitet wurde.

Ab dem 18. Jahrhundert konnten sich immer mehr Menschen frischen, in der Bucht vor der Stadt gefangenen Fisch leisten. Der Koch Hanaya Yohei bot ihn in der Nähe des Hafens an, serviert auf einem kleinen Bällchen Reis. Und seine aus der Hand zu essende Kreation löste eine Art Revolution in den japanischen Essgewohnheiten aus. Heute ist sie als “Nigri-Sushi” bekannt und eine der beliebtesten Sorten. Schnell gab es viele Variationen, z.B. das heute bei uns besonders populäre “Maki-Sushi” das mit einer Schicht Nori (Meeresalgen) umwickelt ist. In Windeseile fanden sich unzählige Nachahmer und überall sprießten Sushi-Restaurants wie Shiitake-Pilze aus dem Boden.

Japanische Auswanderer eröffneten schließlich 1966 das Restaurant “Kawafuku” in Los Angeles. Sie überzeugten einen angesehen japanischen Koch, hier zu arbeiten und brachten so die säuerliche Reisspeise in den Westen. Sie dürften kaum geahnt haben, welchen Welterfolg sie damit begründen würden. Auch hier tauchten plötzlich überall ähnliche Bars auf, zum Publikum gehörten nicht mehr nur japanisch-stämmige, sondern alle Einwohner. Und nach und nach entstanden sogar spezifisch westliche  Sorten wie die von innen gerollten “Ura-Maki” (auch “Inside-Out”) oder “California Roll”. Neben Fisch werden heute unzählige Zutaten verarbeitet, etwa Krebsfleisch, Gurke, Avocado, Fischeiweiß, Ei, Tofu und viele andere.

Maki-Sushi

Maki-Sushi

Einen säuerlichen Beigeschmack bereitet das Trendfood leider auch aus einem anderen Grund: Der Thunfisch, eine der Zutaten diverser Sorten, ist nicht zuletzt wegen des globalen Sushi-Booms mittlerweile vom Aussterben bedroht. Viele Restaurants haben den besonders gefährdeten Roten Thunfisch schon von der Karte gestrichen.

In Japan isst man Sushi normalerweise außer Haus, dicht gedrängt mit anderen Gästen  in einem minimalistisch eingerichteten Restaurant.

Entgegen westlicher Gewohnheit wird es mit der Hand verspeist, nicht mit Stäbchen. Man steckt einfach die ganze Rolle in den Mund, ohne vorher abzubeißen. Der Fisch wird in die dazu gereichte Sojasauce getaucht oder mit ihr beträufelt, wobei man darauf achtet, dass der Reis sich nicht vollsaugt. Zu viel kräftige Sauce könnte nämlich den Fischgeschmack überlagern. Auch wird der Wasabi-Meerrettich dort nicht mit der Sauce verrührt, wie man es hier beobachten kann, sondern beide werden einzeln genutzt. In edleren Restaurants übernimmt der Koch das würzen mit dem scharfen Wasabi nach seinem Gutdünken.

Zwischen den Rollen neutralisiert ein wenig geknabberter Ingwer den Geschmack, um der nächsten Sorte Raum zu geben. Dazu trinkt der japanische Sushi-Freund gern Sake, Bier oder gesunden grünen Tee.

Links:
Sushi-Arten bei champagner.com
Hintergründe und Rezepte beim Sushi-Tsu

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Geschichte

Die Kanonen des Shoguns

Die Männer waren die ganze Nacht durch marschiert, heftiger Regen und Sturm hatte ihnen zugesetzt, noch bevor sie das Schlachtfeld in der Nähe des Dorfes Sekigahara erreicht hatten. Nun, am Morgen des 21. Oktober 1600 stürmten zwei in etwa gleich starke Armeen im auf einander zu, jeweils über 80 000 Mann. Aus dem Westen kam die Streitmacht von Ishida Mitsunari, die östliche Armee wurde von Tokugawa Ieyasu angeführt. Die verfeindeten Fürsten kämpften um die Vormachtstellung im vom Bürgerkrieg geschüttelten Japan.

Schlacht von Sekigahara

In Sichtweite, auf einem Hügel, standen zudem 8.000 Mann unter Kobayakawa Hideaki. Keiner der Beteiligten wusste, wie der sich verhalten würde. Beide Parteien hatten sich um seine Gunst bemüht, doch der junge Mann verhielt sich abwartend.

Tokugawa Ieyasu, General der östlichen Armee, war ein raffinierter Stratege. Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass sein hitzköpfiger Sohn, dem er einen großen Teil seiner Truppe anvertraut hatte, mit dieser im Alleingang einen vollkommen nutzlosen Angriff auf eine weit entfernte Burg machen würde. Die hatte zwar keinerlei strategische Bedeutung, die Fehlentscheidung des Sohnes verhinderte aber sein rechtzeitiges Eintrefen und führte dazu, dass Ieyasus stark verkleinerte Armee in wirkliche Bedrängnis geriet. Alle Augen lagen nun auf Hideaki und seiner Stellung auf dem Hügel.

Ieyasu war durch Spione informiert worden, dass er auf dessen Unterstützung zählen konnte und es nahezu ausgeschlossen war, dass er sich mit dem Gegner verbünden würde. Doch warum rührte Hideaki sich nicht? Ein Signalfeuer sollte ihn zum Eingreifen bewegen, doch er verharrte weiter.

Da traf Ieyasu eine kühne Entscheidung: er drehte seine Kanonen auf Hideakis Hügel – und feuerte auf den wankelmütigen Verbündeten. Dieser gewagte Plan ging auf. Hideaki sah sich zum Eingreifen gezwungen, und stürmte vom Hügel hinab gegen die Westarmee. So errangen sie den Sieg. Die Schlacht von Sekigahara leitete das Ende der blutigen Sengoku-Periode ein und festigte die Machtposition des Tokugawa-Clan, der fortan für über 250 Jahre das Land beherrschte.


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Geschichte

Der Pirat des Shoguns

Ist er ihr Gefangener oder Gast? Seine Bewacher behandelten William Adams höflich, versorgten ihn mit Kleidung und Nahrung, erklärten jedoch nicht, was sie eigentlich mit ihm vorhatten. Der Fürst Tokugawa Ieyasu verhörte ihn regelmäßig persönlich, und stellte vor allem Fragen zu seinem Schiff und dessen Kanonen.

Ausgehungert und von Krankheit gezeichnet waren der aus England stammende Seemann und seine Crew kurz zuvor, im April 1600 von einem schweren Taifun an die japanischen Küste gespült wurden. Nur wenige von ihnen konnten überhaupt noch gerade stehen. In zwei Jahren Fahrt hatten sie einen Großteil der Mannschaft und die übrigen Schiffe ihrer Flotte verloren. Fest steht heute, dass das Schiff im Auftrag von Rotterdamer Kaufleuten unterwegs war, mit welchem genauen Ziel und Zweck ist allerdings unklar.

Sie stolperten in ein faszinierend fremdartiges Land, das sich für eine kurze Phase dem Westen öffnete. Einige portugiesische Jesuitenmissionare lebten seit etwa 50 Jahren hier. Sie kontrollierten den Handel des Inselreiches mit China und bemühten sich, seine stolzen Bewohnern zum Christentum zu bekehren. Außerdem versorgten sie die mit Samuraikrieger mit Arkebusen, frühen Vorderlader-Gewehren.

In dem Neuankömmling, der zum einen unter der Flagge der Konkurrenzmacht Holland segelte, zum anderen auch noch Protestant war, sahen sie eine Gefahr für ihre Interessen. Sie beschuldigten ihn der Piraterie und forderten seine Hinrichtung.

Nun setzte Adams alles auf eine Karte und berichtete dem Fürst von den Religionskriegen in Europa, nannte Einzelheiten der portugiesischen Kolonisationspolitik. Vor allem der Vertrag von Tordesillas machte Eindruck auf den Herrscher, schließlich hatte der Papst darin die gesamte östliche Hemisphäre – also auch Japan – der portugiesischen Krone zugeteilt. In diesem Licht erschien ihm deren Mission in seinem Land nicht mehr so friedlich wie zuvor.

1600 befand sich auch der japanische Bürgerkrieg auf seinem Höhepunkt. Während Adams auf seine Freilassung wartete, entschied Ieyasu die Schlacht von Sekigahara für sich. Für den Ausgang der Schlacht waren Adams Kanonen von entscheidender Bedeutung. Damit beendete Ieyasu die Bürgerkriege rivalisierender Clans und wurde zum ersten Shogun ernannt, zum uneingeschränkten Herrscher. Das befriedete Japan erlebte fortan eine Zeit der Blüte.

Adams wurde freigelassen, durfte das Land jedoch nicht mehr verlassen. Denn der Shogun wollte mehr wissen über die Welt außerhalb seines Landes. Er lud ihn häufig ein und zeigte sich fasziniert von dem draufgängerischen Seemann sowie seinen umfangreichen Kenntnissen. Adams erklärte Ieyasu sein Kartenmaterial, das auf durch Spionage erlangten Karten der Portugiesen beruhte. Der Shogun ließ sich sogar dazu hinreißen, vom Aufbau einer eigenen Hochseeflotte zu träumen, mit der er die Philippinen und Mexiko erreichen könne.

Bald wurde William Adams zu einem sehr einflussreichen Berater am Hofe. Er trat in Kontakt mit der erstarkenden niederländischen Ostindien-Kompanie. Adams organisierte vor allem den Verkauf erbeuteter portugiesischer Waren. Ohne das stille Einverständnis des Shoguns wäre das nicht möglich gewesen.

Der Engländer war zentrale Figur und einziger Ansprechpartner für alle ausländischen Mächte, die Handel mit Japan treiben wollten. Dieses große Vertrauen, das er genoss, begründete sich in seinem tiefen Verständnis der japanischen Mentalität. Der Pirat wurde sogar in die Kaste der Samurai aufgenommen und trug das Daishō Schwertpaar. Das ermöglichte ihm auch, die Tocher eines Samuraifürsten zu heiraten, mit der er zwei Kinder bekam. Dennoch verlor er zeitlebens nicht die Abenteuerlust und auch nicht die Sehnsucht nach seiner englischen Heimat. Die Erlaubnis, das Land zu verlassen, wurde ihm aber nie erteilt.

Mit dem überraschenden Tod Adams im Mai 1620 verloren alle ausländischen Mächte ihren Kontakt zum Hof. Die Kenntnis, die der Shogun über die Europäer und ihre Unternehmungen in der Welt hatte, führten zu einem tiefen Misstrauen ihnen gegenüber. Das Land isolierte sich selbst und während der über 250 Jahre dauernden Herrschaft der Tokugawa-Dynastie kam es zu keiner Annäherung mehr.