Völlig losgelöst: der "Flow" in den Filipino Martial Arts

Das Flow-Konzept gehört zu den Grundpfeilern der philippinischen Kampfkunst. Viele Übungen und Drills zielen darauf ab, diesen etwas mysteriösen Zustand herzustellen. Dieser Artikel umreißt, worum es dabei geht.

Schlag, Abwehr, Konter – die Stöcke bewegen sich blitzschnell. Einzelne Bewegungen sind kaum noch zu erkennen. Wer zum ersten Mal einen echten Meister der philippinischen Kampfkunst in Action sieht, glaubt seinen Augen kaum. Dennoch wirkt die Ausführung leicht und spielerisch. So als wäre gar nichts dabei. Dieses Fließen der Bewegungen kann man in vielen Sportarten beobachten. Doch das Besondere an Arnis, Kali und Escrima ist es, dass im Training gezielt darauf hingearbeitet wird.

Was ist der Flow?

In den Filipino Marial Arts spricht man vom „Flow“, um einen Zustand des scheinbar mühelosen Fließens zu beschreiben. Das Konzept ist von zentraler Bedeutung. Dennoch lässt sich gar nicht so leicht in Worte fassen, was genau damit gemeint ist. Dan Inosanto, der Wegbegleiter von Bruce Lee, schrieb 1980 in seinem Buch The Filipino Martial Arts:

Der Flow ist wie eine Sturzflut in der Wüste. Er bewegt sich an die Orte des geringsten Widerstandes und überwältigt sie mit ungebremster Dynamik. Im Escrima und Kali bewegt sich der Körper auf diese Weise, während die Waffe, insbesondere der Stock, von Treffer zu Treffer springt, und dabei nach Möglichkeit durch den Schwung des Körpers des Kämpfers verstärkt wird.

Für Anfänger ist das zunächst kaum nachvollziehbar. Sie sind vor allem damit beschäftigt, die grundlegenden Techniken zu erlernen. Das ist auch notwendig. Denn einen Flow-Zustand kann nur erreichen, wer die einzelnen Bewegungen sicher beherrscht. Vergleichbar ist das mit einem Kind, das das Radfahren oder Schwimmen erlernt. Am Anfang hat es Schwierigkeiten, die eigenen Körperteile zu koordinieren. Doch mit einem Mal funktioniert es. Man weiß gar nicht, warum gerade jetzt.

Die Psychologie des Flow

Jeder Mensch kennt solche Momente, in denen er ganz Eins ist mit sich, der Welt und dem, was er tut. Aber nur wenige können diesen Zustand gezielt herbeiführen. Der ungarisch-amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat Chirurgen und Extremsportler beobachtet. Für diese Berufsgruppen ist es Alltag, präzise Bewegungen unter großem Druck auszuführen. Um das überhaupt leisten zu können, versetzen sich die Experten gezielt in eine Art Schaffensrausch.

Mit seinem Buch Flow begründete der Mann mit dem unaussprechlichen Namen die wissenschaftliche Flow-Theorie. In einem Interview von 1995 beschrieb Csikszentmihalyi den Flow-Zustand als ein vollständiges Aufgehen im gegenwärtigen Tun:

Das Ego fällt weg. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Jede Handlung, jede Bewegung und jeder Gedanke folgt zwangsläufig dem vorhergehenden, wie beim Jazz-Spielen. Dein ganzes Wesen ist involviert, und du setzt deine Fähigkeiten aufs Äußerste ein.

Der Flow in Escrima, Arnis und Kali

Ein Kampfsportler ist im Flow, wenn er seine Bewegungen spielerisch ausführt. Ganz einfach, weil sie aus sich selbst heraus Freude bereiten. Es geht nicht mehr darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Man versucht zum Beispiel nicht krampfhaft, einen Treffer zu landen oder den Partner auszutricksen. Das würde im Gegenteil sogar stören. Denn solange das bewusste Denken in die einzelnen Bewegungen eingreift, bleibt echte Virtuosität unerreichbar.

Der Schlüssel zum Erlernen dieser Fähigkeit ist ein guter Lehrer. Der aufmerksame Trainer korrigiert strukturelle Fehler der Technik und gibt den Rhythmus der Übung vor. Geschwindigkeit und Intensität müssen die ganze Aufmerksamkeit des Schülers fordern. Doch die Belastung darf auch nicht überwältigend sein. Dann lernt der Anfänger, den eigenen Instinkten zu vertrauen. Seine Technik beginnt zu fließen. Zunächst nur für kurze Momente. Doch die werden mit der wachsenden Erfahrung immer länger.

Strukturiertes Training ermöglicht das Fließen

Flow-Momente lassen sich nicht erzwingen. Aber die Fähigkeit dazu kann mit fortwährender Übung ausgebaut werden. Es ist schon etwas paradox: Das freie Fließen ist nur möglich, wenn man die Bewegung bis ins Detail beherrscht. Trotzdem muss man die bewusste Kontrolle loslassen, um wirklich in den Flow-Zustand zu kommen. Dazu müssen im Training bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein:

• Klare Zielsetzung: Was genau soll in der Übung trainiert werden?
• Kompetenz: Die Grundtechnik und der Drill sind bereits bekannt.
• Kontrolle: Die Bewegungsfolge kann ohne Nachdenken fehlerfrei ausgeführt werden.
• Konzentration auf das Tun im Moment. Keine Ablenkungen oder abschweifenden Gedanken.

Das ist gar nicht so kompliziert wie es klingt. In den philippinischen Kampfkunststilen gibt es unendliche Vielzahl von Drills, mit denen das Fließen geübt wird. Die bekanntesten sind die Sinawalis, die mit zwei Stöcken ausgeführt werden. Auch im lockeren Sparring können Flow-Zustände erreicht werden. Eine gesunde Mischung aus Wiederholung und freier Variation führt nach und nach dazu, dass der Körper wie von selbst funktioniert. Der Geist wird zum Beobachter und erfreut sich an dem, was er sieht. Bis ein Fehler passiert – und alles von vorn beginnt.

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Foto: World Kombatan Championchips in Pori, Finnland (Januar 2018), © Kombatan Finland


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