Panantukan: das raffinierte „Dirty Boxing“ der Philippinen

Panantukan (auch Suntukan) ist das philippinische „Dirty Boxing“. Kein Turniersport, sondern ein Nahkampfsystem für die Selbstverteidigung auf der Straße. Viele Techniken zielen darauf ab, den Gegner zu verwirren oder aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Der Angreifer ist sich seiner Sache viel zu sicher. Er holt zu einem heftigen Schwinger aus, um seinen Gegner in Grund und Boden zu walzen. Doch plötzlich donnern schnelle Schläge und Stöße wie eine Salve eines Maschinengewehrs auf ihn ein. Sie treffen Kopf, Arme und Oberkörper – scheinbar gleichzeitig. Noch bevor ihm bewusst wird, was eigentlich gerade passiert, sorgt ein kurzer aber fester Griff dafür, dass er das Gleichgewicht verliert und zu Boden geht. Diese Wirkung, die Überwältigung, gehört zum taktischen Konzept im Panantukan. Das raffinierte Faustkampfsystem wurde vor allem durch Dan Inosanto bekannt, einen engen Freund und Lehrer von Bruce Lee. Es entstand auf den Philippinen, wo verschiedene Einflüsse aufeinander trafen.

Panantukan hat das Profi-Boxen beeinflusst

Ceferino Garcia war einer der erfolgreichsten Profi-Boxer der Philippinen. 1939 besiegte er den US-Amerikaner Fred Apostoli in New York und errang den Weltmeistertitel im Mittelgewicht. Im Ring hielt sich Garcia genau an die Regeln des Turniersports. Doch der Kämpfer beherrschte auch die raueren Kampftechniken seiner Heimat. Bevor er von einem Box-Promoter entdeckt worden war, hatte Garcia auf einer Zuckerplantage gearbeitet. Dort musste er das Zuckerrohr mit dem Bolo schlagen, der philippinischen Machete. Jahre später überraschte Garcia seine Gegner mit einer im Westen unbekannten Technik: Sein „Bolo Punch“ war eine Kombination aus Haken und Uppercut. Die Bewegung ist abgeleitet aus dem Schwung, mit dem Feldarbeiter ihre Bolos einsetzen.

Das westliche Boxen ist seit jeher populär auf den Philippinen. Panantukan ähnelt ihm auf den ersten Blick. Doch es enthält viele Techniken, die im Turniersport streng verboten sind. Schläge zu den Schläfen oder in den Unterleib zum Beispiel, oder Rückhand- und Ellenbogenstöße. Die Kämpfer stehen einander nur selten duellartig gegenüber. Vielmehr bewegen sie sich sehr dynamisch im Raum und nutzen ‚tote Winkel‘ des Gegners für überraschende Angriffe. Ähnlich wie beim Messerkampf im Eskrima, Arnis oder Kali umkreist der Angreifer sein Ziel geradezu, um eine Lücke in der Verteidigung zu finden. Der Verteidiger startet seinen Konter sofort aus der Abwehr. Durch Serien schneller Schläge und Griffe bringt er den Angreifer aus dem Konzept.

Schmerzhafte Kontertechnik: das Gunting

Eine Spezialität der Filipino Martial Arts ist eine Kontertaktik namens „Gunting“. Der Verteidiger setzt bereits während des laufenden Angriffs zur Gegenwehr an und attackiert die Gliedmaßen des Angreifers. Zum Beispiel schlägt er mit der Faust oder dem Ellbogen auf den Bizeps des attackierenden Arms. Der Angriff wird dadurch nicht nur effektiv geblockt. Der Schlag paralysiert den getroffenen Muskel. Wird der Arm präzise getroffen worden, lässt er sich im Kampf nicht mehr einsetzen. Da diese schmerzhafte Form der Gegenwehr auch für geübte Boxer oder Straßenschläger ungewohnt ist, verunsichert sie den Angreifer psychologisch. Dem Gunting folgen weitere Techniken, mit denen der Verteidiger die Situation endgültig unter seine Kontrolle bringt.

Im Panantukan werden Schläge häufig aus unerwarteten Positionen und Winkeln ausgeführt, etwa unter dem Arm des Gegners hindurch. Das geübte Auge erkennt hier eine Nähe zum indonesischen Silat. Im Gegensatz zum klassischen Boxen werden Schläge mit Griffen kombiniert. Das bedeutet zum Beispiel, dass der Arm des Angreifers kontrolliert werden kann, ähnlich wie beim Arnis, Escrima oder Kali. Ein Zug oder eine Drehung kann den Gegner schnell zu Boden bringen. Die dazu notwendige Technik und das Gefühl für die Körpermechanik erlernt der Schüler im Training durch Drills, also fließende Folgen von mehreren Techniken. Dabei wird nicht eine starre Kombination eingeschliffen, sondern ganz grundsätzlich die Fähigkeit vermittelt, verschiedene Bewegungen kreativ und dynamisch miteinander zu verbinden.

Es gibt nicht nur ein Panantukan, sondern viele.

Dem interessierten Neuling stehen verschiedene Schulen offen. Manche betonen die Anwendbarkeit auf der Straße und ähneln modernen Nahkampfsystemen wie dem israelischen Krav Maga. Für andere ist die in den Filipino Martial Arts typische Übertragbarkeit von Bewegungen aus dem Kampf mit Stock oder Messer am wichtigsten. Man erlernt ein Bewegungsmuster, das mit oder ohne Waffe gleichermaßen anwendbar ist. Und wieder andere Schulen legen das Augenmerk auf die Nähe zum philippinischen Grappling, dem Dumog, indem sie vor allem Griffe und Kontrolltechniken trainieren. Panantukan ist kein feststehendes System, sondern entwickelt sich fortwährend weiter. Wer heute mit dem Training beginnt, kann sich womöglich schon bald mit eigenen Ideen in diesen Prozess einbringen.

Foto: © Roninz Kampfkunstschule


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